Interview

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Interview zum Amarok und zur Dakar

Die Vorbereitungen für die Dakar 2012 sind in vollem Gange. Thomas Wruck und Michael Winkelsesser (hier im Bild) sorgen ab dem 1. Januar vor Ort dafür, dass die Amarok ihre Aufgabe als offizielle Begleitfahrzeuge der Rallye ohne technische oder mechanische Probleme erfüllen können. Im Interview verraten die Volkswagen-Techniker wie ein typischer Tag bei der bekanntesten Wüstenrallye der Welt ausschaut und wie die beiden sich und die Amarok auf das Event vorbereitet haben. 

Herr Wruck und Herr Winkelsesser, Sie reisen für Volkswagen Nutzfahrzeuge als Techniker zur Rallye Dakar 2012. Wann genau geht es für Sie los? Wie bereiten Sie sich persönlich vor und was genau wird Ihre Aufgabe bei der Rallye sein?

Michael Winkelsesser: Meine Abreise erfolgt am 24.12.2011. Ich gehöre zur ersten Gruppe, die nach Buenos Aires fliegt und sich vor Ort darum kümmert, dass die Fahrzeuge ohne Zwischenfälle im Hafen entladen werden und problemlos durch den Zoll kommen. Auf persönlicher Ebene muss ich mich lediglich damit abfinden, Weihnachten nicht mit der Familie feiern zu können.

 

Thomas Wruck: Ich fliege mit der zweiten Gruppe am 27.12.2011 nach Argentinien und bin somit in der glücklichen Lage, Weihnachten zu Hause verbringen zu dürfen. Persönlich bereite ich mich nur dahingehend vor, dass ich versuche im Vorfeld der Rallye ausreichend zu schlafen, um gut ausgeruht die Herausforderung Dakar 2012 anzugehen. 

Unsere Aufgabe besteht darin, die von VW Nutzfahrzeuge zur Verfügung gestellten 53 Fahrzeuge einsatzbereit zu halten. Das fängt beim simplen Austausch einer Glühlampe an und endet im Ernstfall bei Motoren- oder Getriebeaustausch.

Mussten Sie bereits unter extremen Bedingungen (Hitze, Sand, Feuchtigkeit, Kälte, dünne Bergluft usw.) arbeiten und welche Schwierigkeiten hatten Sie dabei?

Michael Winkelsesser: Ein gravierender Unterschied ist natürlich, dass wir im Januar auf der Südhalbkugel Sommer haben. Dadurch, dass wir im Zuge der Rallye große Strecken zurücklegen, ändern sich auch ständig die klimatischen Gegebenheiten. In Buenos Aires wird es schwülwarm sein, während in manchen Nächten in der Wüste und in großer Höhe Minustemperaturen keine Seltenheit sind. Der große Unterschied zwischen Tag- und Nachttemperaturen kann einem schon zu schaffen machen.

 Gewöhnungsbedürftig ist auch das Arbeiten in mehreren tausend Metern Höhe. Es fällt schwerer konzentriert zu bleiben, man ermüdet schneller und die Arbeit wird generell einfach mühsamer. Daher ist es schon wichtig, dass man sich in einer guten körperlichen Verfassung befindet und viel Wasser trinkt. Für Notfälle haben wir aber auch Sauerstoffflaschen dabei.

Der Amarok ist generell als sehr robustes und zuverlässiges Fahrzeug bekannt. Dennoch stellt eine solche Rallye das Material auf eine harte Probe. Womit hat der Amarok am meisten zu kämpfen? Und kann man sich aufgrund der Erfahrungswerte auf immer wiederkehrende Schwierigkeiten einstellen und Vorsorgemaßnahmen treffen?

Thomas Wruck: Der Amarok ist in der Tat ein sehr zuverlässiger und robuster Pickup. Mir sind in den letzten Jahren keine sogenannten „Kinderkrankheiten“ an dem Modell aufgefallen. Im Endeffekt entscheidet der Fahrer darüber, wie oft wir das Auto unter unsere Fittiche nehmen müssen.

Mussten Sie bei einer Reparatur schon einmal Ihr Improvisationstalent unter Beweis stellen, da Sie während der Rallye ja unter großem Zeitdruck stehen?

Michael Winkelsesser: Wer nicht improvisieren kann, hat verloren! 

 

Thomas Wruck: Man muss sicherlich dazu sagen, dass einige Komponenten am Amarok keine Serienteile sind. Daher ist Improvisationstalent nicht nur gefragt, sondern eine wichtige Voraussetzung. Andererseits ist der Improvisationsspielraum, was die Elektrikbauteile angeht, bei modernen Fahrzeugen sehr begrenzt. 

Welche Art von Modifikationen müssen am Serien-Amarok vorgenommen werden, um ihn wüstentauglich zu machen?

Thomas Wruck: Was die Elektronik angeht, werden die Fahrzeuge mit Navigationsgeräten, GPS- Sendern, Wegstreckenzählern und Funkgeräten ausgestattet. Wir modifizieren zusätzlich die Motorelektronik, damit das Kraftstoff- Luft- Gemisch auch in größeren Höhen optimal ist und der Motor zuverlässig läuft. 

 

Michael Winkelsesser: Es gibt Offroad - und Onroad Amaroks. Auf mechanischer Seite werden die Offroad Amaroks, welche größtenteils die gleiche Strecke zurücklegen wie die Wettbewerber, mit einem robusten Offroad- Fahrwerk, Luftansaugschnorchel, Überrollkäfig und Schalensitzen ausgerüstet. Es gibt noch kleine weitere Veränderungen im Vergleich zum Serien- Amarok, die einige empfindliche Bauteile vor Staub und Schmutz schützen sollen. 

Haben Sie den Amarok schon einmal selbst durch den heißen Wüstensand bewegt? Falls ja, was war das für ein Gefühl?

Thomas Wruck: Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen auch selbst einmal zu testen, wozu der Amarok in der Lage ist. Ich bin jedes Mal beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit sich das Auto auch in schwerem Gelände bewegen lässt. Da Sicherheit aber natürlich auch bei uns an erster Stelle steht, haben wir beide schon Fahrsicherheitstrainings absolviert, um ein gutes Gefühl für das Auto zu entwickeln. Michael hat meines Wissens nach schon mal an einem richtigen Offroad- Trial teilgenommen, wo es sehr auf Geschicklichkeit ankommt.

Für beide von Ihnen ist es die dritte Rallye Dakar. Stellt sich schon eine gewisse Routine ein oder ist jede Teilnahme ein Erlebnis für sich?

Michael Winkelsesser: Sicherlich bin ich heute nicht mehr so angespannt wie bei meiner ersten Dakar. Ich weiß ja was mich erwartet. Der Ablauf ist jedes Jahr ähnlich, allerdings kann man nie vorhersagen wie viele Autos an einem Tag repariert werden müssen. Daher kann man sagen, dass die Tage sich nie gleichen und es Routine im eigentlichen Sinne nicht gibt. Für mich macht das auch den Reiz der Rallye aus. 

Mit wie vielen Amarok reisen Sie insgesamt nach Argentinien und wie viele Techniker kümmern sich um den gesamten Fuhrpark?

Michael Winkelsesser: Insgesamt unterstützt das Team die Organisation der Rallye mit 3 Amarok, 8 T5 PanAmericana, einem Crafter 4MOTION und zwei Trucks. Inklusive der Presse - und Organisationsfahrzeuge der ASO, sind wir dieses Jahr, wie Thomas vorhin schon sagte, mit 53 Fahrzeugen dabei. Um diesen Fuhrpark kümmern sich 14 Elektriker, Mechaniker und Techniker.

Während der Rallye gibt es sicherlich eine Menge Arbeit für einen KFZ Mechaniker und Elektriker. Beschreiben Sie doch mal einen ganz normalen Tag in der Wüste Südamerikas.

Thomas Wruck: Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht genau wo ich beginnen soll, denn manchmal ist der Übergang von einem zum anderen Tag fließend. Wir kommen ja nur dann zum Schlafen, wenn sich alle Fahrzeuge in einem einwandfreien Zustand befinden.

Oftmals beginnt der Tag für uns schon gegen 4:00 Uhr morgens, da dann die Hubschrauber abheben, welche die Motoradfahrer begleiten. Nach dem Aufstehen sammeln wir unser Equipment zusammen und verstauen es in den Autos oder auf den Trucks. Anschließend gibt es Frühstück und danach machen wir uns auf den Weg zum nächsten Biwak. Es gilt gerade während der Fahrt keine Zeit zu verlieren. Wir legen jeden Tag zwischen 500 und 700 Kilometer zurück und je später wir losfahren, desto später kommen wir an und können dementsprechend auch erst später mit eventuellen Reparaturen beginnen, wodurch sich unsere Nacht wieder verkürzt. Es kann natürlich auch vorkommen dass wir sozusagen auf „freier Strecke“ schrauben müssen, was unser Timing dann natürlich wieder völlig über den Haufen wirft. 

Nach der Fahrt beginnt unser Job eigentlich erst richtig. Zunächst richten wir unsere Arbeitsplätze wieder ein und beginnen so schnell wie möglich mit eventuell anfallenden Reparaturen. 

 

Michael Winkelsesser: Alle Fahrzeuge, die zu uns kommen, müssen wir gründlich checken, dabei kann es durchaus vorkommen, dass aufwendige Reparaturen durchgeführt werden müssen. Da die Karawane am nächsten Morgen schon weiter zieht, müssen alle Schäden und Fehler über Nacht behoben werden. Das heißt für uns, dass wir nicht zur Ruhe kommen bevor auch das letzte Auto wieder einsatzbereit ist. Hier schließt sich der Kreis und wir sind wieder beim Thema Schlafmangel. Das Biwak sollte man sich übrigens nicht vorstellen wie ein Hotel im Freien. Im Lager ist die ganze Nacht Bewegung. Da wird geschraubt, geschliffen, gehupt und geredet. Dieselgeneratoren laufen die ganze Nacht um die Stromversorgung zu gewährleisten. Soll heißen: wer einen leichten Schlaf hat, wird des Öfteren wach.

Techniker bei der größten Rallye der Welt zu sein, ist sicher keine einfache Aufgabe. Was war bislang Ihre größte Herausforderung bei der Dakar?

Michael Winkelsesser: Meine Top 3 bestehen aus einem 8-stündigen Motorwechsel oder einem Getriebewechsel mitten in der Wüste. 

 Am extremsten und auch am gefährlichsten war allerdings der Ausbau eines Tanks bei einem Amarok in ungefähr 4.200m Höhe und offener Straße. Es war schon dunkel, extrem windig und mit bis zu -7°C auch sehr kalt. Natürlich hat die dünne Luft unsere Arbeit nicht gerade erleichtert. Da das Auto voll betankt war, wurde der Ausbau zum absoluten Kraftakt. Glücklicherweise ist mir der Dieselkraftstoff nicht wie bei meinem Kollegen in den Overall gelaufen. Der Anzug stinkt heute noch – auch nach mehrmaligem waschen. 

 

Thomas Wruck: Ich finde die Herausforderung besteht nicht nur darin, ganz konkrete Situationen zu meistern. Die gesamte Rallye Dakar ist eine große Herausforderung. Sehen Sie, wir tragen ja auch eine große Verantwortung gegenüber den Menschen, die unsere Autos fahren. Auch nach 16 Tagen ohne wirklich ruhigen und erholsamen Schlaf müssen wir noch dafür Sorge tragen, dass die Fahrzeuge absolut sicher sind und zuverlässig funktionieren. Auch wenn wir tagsüber zum nächsten Biwak fahren, muss der Fahrer hochkonzentriert sein, denn wir wollen uns ja nicht noch zusätzliche Arbeit dadurch schaffen, dass wir unser eigenes Fahrzeug beschädigen. 

Die Dakar 2012 startet im Gegensatz zu den beiden Vorjahren nicht in Buenos Aires, sondern in Mar del Plata und endet in Lima, Peru. Hat dies Auswirkungen auf die Vorbereitungen oder das Fahrzeug Setup?

Thomas Wruck: Der gravierendste Unterschied im Vergleich zu den Vorjahren ist, dass wir unsere Autos dieses Jahr komplett in Deutschland auf die Dakar vorbereitet haben. Das erfordert natürlich eine sehr gute Planung und Flexibilität, wenn einmal etwas nicht so funktioniert, wie es vorgesehen war. Die letzten Jahre war das VW- Werk in Pacheco immer unsere Basis und so hatten wir auch relativ kurze Wege, wenn mal ein Teil gefehlt hat. Dieses Jahr muss die Vorbereitung möglichst so perfekt sein, dass wir die Autos in Argentinien nur noch aus dem Hafen holen müssen und sie dann einsatzbereit sind.

Ist die Teilnahme an der Dakar ein jährliches Highlight für Sie oder ist sie inzwischen zu einem Job wie jeder andere geworden?

Michael Winkelsesser: An das Erlebnis Rallye Dakar gewöhnt man sich nicht. Schon deshalb, weil jedes Jahr andere Aufgaben auf uns warten. Die Dakar ist für mich ein absolutes Highlight. 

 

Thomas Wruck: Das sehe ich genauso! Die Dakar ist ein riesen Erlebnis!